Bahlburg

Bahlburg

- DIE GESCHICHTE DER BAUUNTERNEHMER

Die Firmengeschichte der Bahlburgs begann am 25.07.1837. Heinrich Christoph Bahlburg I (17.05.1801 – 30.09.1873) aus Egestorf gründete mit seinem ausgezahlten Erbteil und gesparten Geld ein Zimmereigeschäft auf einer von ihm erworbenen Kate/Hofstelle am Sandbarg in Jesteburg. 1870 arbeiten in der Zimmerei bereits ca. 12 Mitarbeiter.

Während des Baus der Bahnstrecke Lüneburg-Buchholz (1872-1874) verdiente Bahlburg als Baustofflieferant und Subunternehmer der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft (BHE), Firma Schneider aus Berlin, Wittenberger–Geestemünder Bahn und Venloo-Hamburger Eisenbahn sein Geld.

Am 02.06.1877 kaufte Heinrich Christoph Bahlburg II (26.07.1838-02.12.1919)  für 17.000,- Mark Reichsmünze den Vollhof “Stubben  Hus” von der Familie Voget, die nach Salem/Oregon auswanderte. Übrigens, der “Stubbenhof” war über zweihundert Jahre im Eigentum der Familie Rabeler bevor Gustav Heinrich Voget den Hof von Peter Heinrich Lührs erworben hatte. Um 1890 beschäftigte Bahlburg bereits bis zu 40 Arbeiter, Zimmerer, Maurer und Tischler.

Jesteburg wuchs  weiter, was zu einem erhöhten Bedarf an Wohnhäusern führte. 1888 verkaufte die Gemeinde Grundstücke an Bahlburg, weil dieser Wohnhäuser bauen wollte, um die „Wohnungsnot hier im Orte zu beheben“. Die Bautätigkeit nahm 1896 einen weiteren Aufschwung, wovon besonders die Zimmerei profitierte. 1889 erhielt Bahlburg die Genehmigung zum Betrieb eines Dampfkessels. Eine Hochdruckexpansion-Dampfmaschine der Firma Bestenbostel & Sohn aus Bremen mit 20 PS Leistung ermöglichte im Jahr 1900 den Betrieb einer Dampfsägerei, die mit Holzabfällen beheizt wurde. Bahlburg finanzierte die Investition durch Hypotheken und Obligationen bei der Sparkasse in Hittfeld und durch Darlehen des Amtsrichters von Lütcken aus Syke bei Bremen, der in Kleinflecken über Grundbesitz verfügte.

Bahlburg baute 1895 im Auftrag des Jesteburger Schützenvereins das neue Schützenhaus auf der sogenannten „Schweineweide“. Hierhin war der Schützenverein 1875 umgezogen, nachdem der ursprüngliche Standort durch den Neubau der Bahnverbindung von Buchholz nach Lüneburg aufgegeben werden musste. Nachdem das Schützenhaus 20 Jahre lang nur aus einem leichten Holzbau ohne Fenster mit Klappen, die abends geschlossen wurden, bestanden hatte, errichtete Bahlburg an gleicher Stelle einen Neubau im Fachwerkstil ohne Heizung. Als Schießstand diente ein Holzunterstand auf der linken Seite des Gebäudes. Auf dieser Fläche steht heute “famila”. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten sich die Gemeinde Jesteburg und der Schützenverein darauf, den seit 1875 bestehenden Pachtkontrakt, der noch bis 2086 gelaufen wäre, vorzeitig auszulösen.

1899 hatte Bahlburg ca. 23 Mitarbeiter unter Vertrag: u.a. A. Meier (Itzenbüttel), O. Fhiessen (Kiel), P. Schild (Lehe) G. Wenk (Lehe), H. Lemberg (Stoltenberg), W. Eichmann (Kiel), G. Srowig (Breslau), H. Schaars (Geversdorf), H. Horn (Kiel), C. Bahlburg (Jesteburg), H. Leimeister (Nürnberg), Ch. Bahlburg (Jesteburg), W. Maschmann (Brux.), E. Carsten (Lüneburg), C. Vogt (Neumünster), E. Struwe ((Neumünster), Willi H. Sievers (Jesteburg), W. Stöver (Buchholz/N), H. Bahlburg (Jesteburg, Meister), H. Aldag (Jesteburg), C. Roweder (Lehrling), J. Länger (Altona), H. Dohrmann (Kutscher). Die Sägerei wurde 1900  gegründet. 

1907 baute Bahlburg das erste Jesteburger Spritzenhaus in der Ortsmitte für ca. 2.800,- Reichsmark. Der Standort ist auch heute noch gut zu finden. Die “Straße” trägt den Namen „Zum Spritzenhaus“ und geht von der Hauptstraße zwischen “Försters Hus” und “Kunsthaus” ab.

Das Firmengelände an der Brückenstraße - ca. 1909

 

1915 baute Bahlburg für 19.000,- Mark eine Liegehalle am “Sanatorium Heidehaus”, das 1907 gegründet worden war. Zirka 120 Betten standen Dr. Otto Ziegler für Patienten mit Tuberkulose zur Verfügung.

1916 errichtete Bahlburg das “Koopmannshus”. Diesem imposanten Bau haben wir einen eigenen Beitrag gewidmet. Sie finden ihn hier.

Heinrich Christoph Bahlburg II (Foto) übergab 1917/19 den Betrieb an Wilhelm Heinrich Bahlburg I (27.10.1888 – 17.07.1958), der sich 1914 als Handwerksmeister (Zimmermeister) selbstständig gemacht hatte. Er gründete 1919 als weiteres Standbein das Elektrizitätswerk Jesteburg. Mit seiner Dampflokomobile, die er 1910 erworben hatte, wurde ein Generator zur Stromerzeugung angetrieben. Das “Werk” versorgte insgesamt 12 Personen im Dorf mit Strom. 1919 kostete 1 Kilowatt für Licht 1,30 Mark. Im Jahr 1923 betrugen die Lichtgeldeinnahmen z.B. im Oktober 1923 Zwölfmillionendreihundertneunundachtzigtausendreihundert Mark (die Inflation war im vollen Gange).

1921 wurde der Betrieb durch eine Maurerei, ein Architekturbüro und eine Statikabteilung erweitert. Insgesamt 28 Personen (1 Polier, 7 Zimmerer, 3 Heizer, 3 Lehrlinge, ein Knecht, 4 Maurer, und 8 Gesellen) waren bei Bahlburg beschäftigt.

In dieser Zeit wirkte Bahlburg auch am Bau des Kunsttempels Bossard mit und realisierte zum Beispiel auch das Wochenendhaus der Familie Gerloff am Hundsberg.

Die “Goldenen Jahre” in der Weimarer Republik waren auch für Bahlburg eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche Zeit. 1925 war Bahlburg nach der Jesteburger Ziegelei von Heinrich Körner der zweitgrößte Arbeitgeber in Jesteburg. Im Herbst 1925 besaß er mit einem “Wanderer” das erste Auto im Dorf.

1926 kaufte Bahlburg vom Abbauer Pape 5,25 Hektar Ackerland, erwarb 1927 einen Deutz Trecker, der im Winter auch von der Gemeinde als Schneeräumfahrzeug und für Baumfällarbeiten eingesetzt wurde, und erweiterte 1928 seinen Betrieb um eine Tischlerei.

Wilhelm H. Bahlburg I (Foto) fungierte als Zimmermeister und beeidigter Brandkassenschätzer, Inhaber eines Baugeschäftes, eines Dampfsägewerkes und einer Holzhandlung.

Es wurden Bauvorhaben bei den Rütgers­ Werken in Buchholz, der Phoenix AG in Harburg sowie in den umliegenden Ortschaften ausgeführt. Vor allem jedoch boomte der Bau von Wochenendhäusern für zahlungskräftige Hamburger, Harburger und Altonaer.

Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 florierten die Geschäfte. Allein in Jesteburg wurden 40-50 Häuser gebaut und Aufträge bei der Reichsbahn-Reparaturwerkstatt in Buchholz ließen die Beschäftigtenzahl noch einmal steigen. Allein in der Sägerei beschäftigte Bahlburg zeitweise bis zu 16 Mitarbeiter.

In den 30er Jahren baute Bahlburg die Sommerodelbahn an der “Pension Rüsselkäfer” (1933), den Aussichtsturm an der Itzenbütteler Straße (1935) und den Neubau “Landhaus Salem” (1938).

Ende 1938 beschäftigte Bahlburg 160 bis 180 Arbeitnehmer. 1940/1941 kamen Großbauvorhaben, Baracken für Kriegsgefangene in Schwarzenbek und in Sandbostel bei Munster-Brelow hinzu. Bis 1942 richtete Bahlburg 40 Vier-Familienhäuser für die Arbeiter (Tschechische, dänische, russische und belgische Gastarbeiter und Kriegsgefangene) der Munitionsfabrik Bomlitz auf einer Großbaustelle in Walsrode ein. Die belgischen und russischen Arbeiter kamen nach Fertigstellung der Walsroder Bauten in den Bahlburg´schen Betrieb nach Jesteburg.

1942 erstellte die Firma in Reindorf-Osterberg ein weiteres Kriegsgefangenenlager als Barackenbau. In diesen Jahren hatte Bahlburg den höchsten Belegschaftsstand mit 180-200 Beschäftigten.

ca. 1941: Alma und W.H. Bahlburg mit den Kindern Anneliese, Elisabeth und W.H. Bahlburg II

Nach Kriegsende wuchs die Belegschaft bis Anfang der 1950er Jahre wieder auf rund 80 Beschäftigte (u.a. Otto Nehmann (von 1918 bis 1955), Architekt Bostelmann, W.C. Schröder, Alexander Borucki) an und es befanden sich 14 Lehrlinge in der Ausbildung (u.a. Friedrich Voss jun., Georg Sluytermann von Langeweyde).

Das Betriebsgelände an der Brückenstraße – 1947/50

Zur Linderung der Wohnungsnot ließ der Jesteburger Gemeinderat 1950/51 zwölf Wohnungen in zwei Doppelhäusern und einem Einzelhaus errichten. Mit der Durchführung wurde Bahlburg betraut, der die Architektur für diese Vorhaben kostenlos zur Verfügung stellte. Viele einheimische Baufirmen und Handwerker profitierten von dem Gemeindewohnungsbau. Allen voran Bahlburg, der für Maurer und Zimmereiarbeiten fast zwei Drittel der Baukosten einlöste.

Grundsteinlegung: u.a. Bürgermeister Heino Clement (vorn), Gemeindedirektor Emil Bartz, Wilhelm Heinrich Bahlburg

Der weitere Ausbau der Firma erfolgte in erster Linie mit Krediten, die nicht zügig zurückgezahlt werden konnten. 1951 kam Wilhelm H. Bahlburg I in die Schlagzeilen. Der sogenannte „Sparkassenskandal“.

Bei der Revision der Nebenstelle Jesteburg der Kreissparkasse Harburg anlässlich eines Betrugsskandals, stellte sich heraus, dass die Bahlburgschen Kreditverpflichtungen bei der Kreissparkasse seit Januar 1951 auf 130.000 DM aufgelaufen waren, obwohl die Voraussetzungen für die Kreditgewährung nicht gegeben waren. Eine pikante Situation, war Bahlburg bis 1949 als Landrat des Kreises gleichzeitig auch Vorsitzender des Sparkassenvorstandes gewesen.

Der Hamburger „Spiegel“ kommentierte damals: „Die Vermutung (ist) bis heute nicht widerlegt, dass sich Bahlburg entweder selbst Kredite bewilligt oder seine Freunde im Sparkassenvorstand veranlasst hat, es gefälligkeitshalber für ihn zu tun.“

Wilhelm H. Bahlburg I wurde wegen ungenehmigter Kontoüberziehung und Kreditbetrug vor Gericht angeklagt und seine Immunität als Bundestagsabgeordneter aufgehoben. Am 6. September 1951 trat er aus der Deutschen Partei (DP) aus. Seine politische Karriere war damit beendet.

Am 01.09.1952 wurde Wilhelm Heinrich Bahlburg I vom Landgericht Stade wegen Untreue zu 2 Jahren Gefängnis und zu 10.000 DM Geldstrafe verurteilt. Die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter wurde ihm für die Dauer von 3 Jahren aberkannt. Bahlburg legte Revision ein und der Kreissparkasse Harburg wurde noch im gleichen Jahr der Vermögensschaden ersetzt.

Am 20.08.1953 wurde das Verfahren vom Bundesgerichtshof an das Stader Gericht zurückverwiesen. Die Verurteilung wegen Untreue wurde per Gerichtsbeschluss vom 22. Januar 1954 aufrechterhalten, die Ämteraberkennung jedoch aufgehoben. Durch ein Gnadengesuch wurde Bahlburg Haftverschonung gewährt.

Das Unternehmen geriet in eine erste Krise. Ein Konkurs konnte zwar verhindert werden, aber die Belegschaft musste auf zirka 20 Mitarbeiter reduziert werden.

Bereits im Juni 1949 war der Gemeinde Jesteburg klar, dass sie eine neue Schule bauen muss. Es wurde ein Schulbau-Ausschuss gegründet, der von Bahlburg geleitet wurde. Aufgrund der Kosten musste ein Neubau zunächst zurückgestellt werden und es wurden 1950 lediglich einige Räume umgebaut. Nachdem der Hamburger Industrielle und Stahlbetonfachmann Ewald Hoyer 1954 der Gemeinde einen Kredit über 100.000 DM zu 5% Zinsen zusagte, wurde der Neubau beschlossen und der Auftrag an die Arbeitsgemeinschaft der Firmen Friedrich Michaelis und Wilhelm Heinrich Bahlburg vergeben. Die Einweihung wurde am 30.06.1955 gefeiert.

Nach dem Tod von W.H. Bahlburg I am 17.07.1958 übernahm sein Sohn W.H. Bahlburg II (Foto) (19.01.1921-04.10.1981) am 22.08.1959 offiziell die Firmenleitung.

Während des Baubooms der 1960er Jahre erholte sich die Firma und die Belegschaft wuchs auf 60-65 Personen an. Es wurde zeitweilig an 25 verschiedenen Baustellen gleichzeitig gearbeitet. Gastarbeiter aus Jugoslawien, Italien und sogar aus Ghana wurden beschäftigt. Besonders lukrativ war zu der Zeit der Sauna- und Blockhausbau im gesamten Bundesgebiet.

1966 eröffnete Bahlburg ein Mörtel- und Kieswerk am Schierhorner Weg. Die Investitionskosten betrugen 500-600.000,- DM. Das Mörtelwerk war sehr schnell sehr rentabel.

1970 baute Bahlburg das Geschäfts- und Wohnhaus Beecken an der Hauptstraße in Jesteburg (heute sind dort u.a. Ärzte und die Apotheke von Dr. Heil ansässig).

1971/1972 errichtete die Firma Bahlburg in Arbeitsgemeinschaft mit Firma Beecken den Neubau der Jesteburger Grundschule am Moorweg (ohne Turnhalle).

1973 führte Bahlburg den Umbau der Gaststätte “Lindenkrug” durch. Die Maurerarbeiten wurden von der Kolonne Wilhelm Voss (Albert Graeger, Walter Fox, Michael Klay, Dieter Maretzki) und die Zimmerarbeiten von der Kolonne Friedrich Voss (Gert Korepka, Werner Buksch) übernommen. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten das italienische Restaurant “Il Gusto”.

1974 folgte der Firmenkonkurs

Die Investition in ein neues Betonwerk in Lüllau rentierte sich nicht. Es war 1971 mit hohen Kreditzinsen (16%) erbaut worden und hatte sehr hohe Investitionskosten verschlungen. Gegen die finanziell gut ausgestatte Konkurrenz großer Hamburger Firmen blieb “Nordheide Transportbeton” chancenlos.

Foto: Mitte: Herr Berthold (Geschäftsführer der neuen Firma Nordheide Transportbeton) – rechts: W.H. Bahlburg II

W.H. Bahlburg II hatte sich bei der Expansion des Familienbetriebes übernommen. In der Konkursantragsbegründung hieß es: “…ursächlich für die Insolvenz des Gemeinschuldners ist der Rückgang der Konjunktur. Die erheblichen Investitionen (Betonwerk) amortisierten sich nicht…”

Der Konkurs des Betonwerks am 04.12. 1974 riss die gesamte Firmengruppe mit sich. Im Rahmen der Konkursabwicklung wurde der Konkurs 1980 in einen Vergleich  umgewandelt.

Alle Mitarbeiter erhielten vom Konkursverwalter das Kündigungsschreiben. Im Rahmen der Konkursabwicklung wurde die offene Lohnforderung bezahlt.

1975 unternahm W.H. Bahlburg II einen neuen Versuch und gründete eine Bau-GmbH. Der Firmenbetrieb wurde nach zwei Jahren eingestellt.

Seit 1976 war W.H. Bahlburg II nur noch als amtlich bestellter Gutachter für Banken und in Konkurs geratene Baufirmen tätig. Er verstarb 1981 an einem Herzinfarkt.

Auf dem ehemaligen Firmengelände (ca. 16.000 qm) an der Brückenstraße befinden sich heute Budni, zwei Häuserblocks mit Geschäfts- und Büroräumen sowie Wohnungen, das Café “Alte Sägerei”, ein Fahrradfachgeschäft und bis vor Kurzem das Seniorenheim “Stubbenhof”. Das ehemalige Alten- und Pflegeheim wurde 2021 geschlossen. Derzeit hat die Gemeinde die Anlage zur Unterbringung ukrainischer Geflüchtete gepachtet. Als spätere Nutzung ist ein Umbau der Anlage zu Wohnungen für Senioren (“Betreutes Wohnen“) geplant.

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